Poesie und Philosophie über den ganz normalen Wahnsinn unseres Lebens. Poetry and philosophy about the everyday madness in our lives.

Rampage – Sankt Augustin – My hero

Was würde Manfred Spitzer sagen?

Kurz erst mal worum es geht: Gestern, am 11.05.2009 hat eine 16-jährige im Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin beinahe die Schule abgefackelt. Was mit viel Elan begann, endete glücklicherweise nur mit Körperverletzung. Das heißt natürlich glücklich, weil nicht mehr Personen zu Schaden gekommen sind – keinesfalls soll heruntergespielt werden, dass es auch ein Opfer gab.

Zurück zur Frage. Man kann davon ausgehen, dass Herr Spitzer einen Kommentar dazu verfassen wird oder schon hat. Aber wer ist eigentlich Manfred Spitzer? Für diejenigen die es nicht wissen, eine ganz kurze Zusammenfassung. Manfred Spitzer ist ärztlicher Direktor an der psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Er ist Psychologe, Psychiater und Hochschullehrer. Ganz nebenbei ist er Autor von einigen Büchern über das Lernen, die stark auf die Funktionsweise unseres menschlichen Gehirns eingehen. Ich selbst habe sein Buch “Lernen” gelesen und fand es sehr aufschlussreich. Damit hört das Lob aber auch auf.

Was Herr Spitzer momentan anscheinend am liebsten macht ist nämlich Politik. Es ist nicht so, dass ich mit der Politik auf dem Kriegsfuß stehen würde. Nein, das macht kein Sinn. Politik ist, wie man so schön sagt “Alle paar Jahre geht mal wählen, vieles wird anders, nichts wird besser”. Ich gehe übrigens wählen, nur um das klar zu stellen. Aber warum passen Spitzer und Politik nicht so recht zusammen? Weil man dort von Dingen redet, von denen diese alten Säcke einfach keine Ahnung haben. Ich sage nur Killerspiele. Liebe Politiker – das ist doch nicht mal ein richtiges Wort – erstrecht kein Deutsches. Töterspiele oder Tötespiele klingen lächerlich und ich denke, dass es in vielerlei Hinsicht genau darum geht. Es muss gut klingen bzw. schlecht, denn was schlecht klingt das mag man nicht. Würde man statt Schützenvereine so etwas wie Killervereine sagen – das wäre undenkbar. Und doch sind es Schützenvereine, die den Zugriff auf Waffen ermöglichen, die reale Munition auf reale Ziele abfeuern.

Natürlich sind die Ziele aus Papier. Schöne Kreuze usw. und wer in die Mitte trifft ist toll. Aber wie sehen die Ziele aus, wenn die Leute zu Hause schießen – in ihrem Keller. Nein das darf man ja nicht – vermutlich so wenig wie Musik aus dem Internet herunter laden. Fantasie ist auch ein Stichwort. Nur weil das Ziel aus Papier ist, heißt das nicht, dass sich der Schütze nicht ein anderes Ziel wünscht, oder vorstellt. Man fängt klein an. Erst das Papier, dann die bewegten Ziele, wie man sie von jeder Schießbude kennt und was dann? Fantasie – das ist was wir so fördern wollen mit Büchern und Erziehungskram. Aber Fantasie ist ein zweischneidiges Schwert, wehe dem der anders denkt. Nur nebenbei bemerkt: Man hat damals im alten Griechenland auch Bücher verbrannt. Die Begründung war, dass sie schlecht sind für die Fantasie. Seltsam, das klingt wie etwas, das wir heute von Computerspielen und Fernsehen hören

Zu Killerspielen kann ich nicht viel sagen. Solche Spiele kenne ich nicht. Natürlich kenne ich Counter-Strike, Quake, was weiß ich wie sie alle heißen und oft geht es, wenn man nicht genau hinschaut, ums töten. Aber gerade wenn man über etwas redet, sollte man genau hinschauen. Natürlich gibt es Spiele die böse, brutal und einfach widerlich sind. Aber es gibt auch das Klientel dafür, sonst wären die Firmen schnell pleite. Das sind aber gar nicht die Spiele von denen geredet wird, wenn es um “Killerspiele” geht. Dort werden Spiele angeprangert dessen Strategie und Geschicklichtkeitskomponente einfach mal völlig außer Acht gelassen wird. Es fliegen Kugeln, es sterben Menschen. Aber ist irgendjemand auch mal aufgefallen, dass diese Menschen auch wieder aufstehen nachdem die Runde entschieden ist? Vermutlich nicht… zumindest scheint es häufig so. Ich nehme nicht in Schutz, was nicht in Schutz genommen werden sollte – aber differenzieren sollte man sehr wohl. Was sind Killerspiele schon wenn man sie mit den Nachrichten aus Fernost vergleicht? Was sind Killerspiele in denen man Monster abknallt, wenn man ins Kino geht und Menschenhirn spritzen sieht. Das finde ich widerwärtig – DAS finde ich krank!

Früher war alles besser – so sagt man häufig halb im Scherz – doch meint man es viel zu häufig auch halb ernst. Ja, richtig, früher… da hatten wir noch die Hitlerjugend. Die durften tatsächlich Menschen töten, Munition schleppen – live dabei, alles toll. Früher war alles besser? Nun zumindest scheint man sich nicht daran zu erinnern. Aber man muss nicht gleich so weit zurück gehen, nicht gleich so extrem sein. Niemand will den Nationalsozialismus zurück. Zugegeben ein paar schon, aber das ist eine andere Geschichte. Schauen wir uns mal Fußball an. Fußball – ein toller Sport. Teamgeist, Wettkampf und Erfolg. Aber wehe dem, der auf der Strecke bleibt. Wehe dem Kind, das nicht so schnell rennt wie die anderen. Diesen Kindern macht das keinen Spaß, denn für diese Kinder ist das eine Qual. Davon abgesehen ist Fußball ein Knochensport. Da wird gerempelt und geholzt wenn keiner hinschaut und gemobbt wer das nicht erträgt – ein toller Sport. Aber Sport bringt’s, vor allem die Sportarten wo man sich so richtig austoben kann; Rugby, Football und so weiter. Brutaler, hirnloser Bauernsport wenn man mich fragt. Da entwickeln wir über tausende von Jahren hinweg ein Gehirn und haben nichts Besseres zu tun, als uns auf dem Sportplatz die Gehirnzellen wegzuprügeln. Toller Sport sage ich da nur – Toller Sport!

Aber was hat das mit Spitzer und Lernen zu tun? Viel. Wer Spitzers Bücher gelesen hat, in der Schule aufgepasst hat, oder auch nur ein bisschen Gehirn hat kann erkennen, dass der Mensch ein Dauerlerner ist. Das heißt wir lernen immer und alles. Es spielt keine Rolle ob das, was wir tun im Realen passiert, wir Filme schauen oder uns virtuell die Köpfe einschlagen. Wir sehen, hören, lesen, schmecken, fühlen, riechen und lernen all das. Das einzige was unseren Kopf davor bewahrt von Überfüllung zu explodieren, ist ein Filter, der das Unwichtige raus sortiert und nur Wichtiges behält. Aber was ist wichtig und was nicht? Für unser Hirn ist wichtig was wir oft brauchen – also ist wichtig, was wir oft tun. Wenn wir also viel am Rechner sitzen und ballern, dann lernen wir das und werden darin besser. Wenn wir in der Schule sitzen und uns auf das Geschwätz von Lehrern konzentrieren, dann werden wir darin besser. Leider nein – denn es kommt auch darauf an, was der Lehrer erzählt, genauso wie es darauf ankommt was wir abschießen, oder wie. Schaut man in einem Spiel wie Siedler 2 zur falschen Zeit auf den Bildschirm, so wird man auch das als Killerspiel hinstellen. Da hüpfen zwei Pixelhaufen auf der Stelle und schlägern mit Schwertern auf sich ein. Dass es bis zu diesem Moment oft Stunden gedauert hat, um eine Wirtschaft aufzubauen, die überhaupt Soldaten finanzieren kann, wird ausgeblendet. Weil man nicht hinschaut und weil man nicht nachfragt, kommt es zu völligen Missverständnissen. Wieder einmal muss ich dazu aufrufen: Differenzieren ist wichtig. Beim einen genau hinschauen, beim anderen nicht – das ist einfach unprofessionell.

Wir lernen also alles. Aber was wenn wir etwas gar nicht kennen. Herr Spitzer schreibt, dass es bei ihm zu Hause keinen Fernseher gibt, vermutlich keine Computerspiele (nicht mal Minesweeper? Solitär?), und mit Sicherheit keine Gewalt. Sehen wir mal davon ab, dass er vermutlich viel zu selten zu Hause ist, um das beurteilen zu können. Es stellt sich trotzdem die Frage, ob Klavierspielen für Kinder die bessere Alternative ist. Wenn jemand nicht weiß was falsch ist, wie soll er dann wissen, wie man damit umgeht? Woher weiß man was falsch ist? Aber die eigentliche Frage ist doch: Wo kann ich bewusst, Dinge falsch machen, damit ich das nicht in real tun muss? Die Antwort bietet virtuelle Realität. Ein Spielplatz, und für jeden der Richtige. Kein Spielplatz zu klein und keiner zu Langweilig. Es gibt sogar für jeden den richtigen Spielplatz, denn passt einem das eine Spiel nicht, nimmt man das Andere. Es gibt für jeden was – und jeder kann sich selber aussuchen was er möchte und was nicht. Das nennt sich persönliche Freiheit – ich bin sicher, ihr habt in Märchenbüchern schon mal davon gelesen. Wie hieß das Märchen? War es von den Gebrüdern Grimm? Nein ich glaube alles begann in Weimar und man nannte es Verfassung, heute Grundgesetz – vermutlich… hab ich gehört. Ich persönlich glaube nicht an Märchen, schon gar nicht wenn Paragraphenzeichen darin auftauchen…

Also was nun Sankt Augustin? Ich finde es ganz toll, dass mal eine Frau richtigen Mist baut. Es ist nicht so, dass Frauen wirklich weniger Mist bauen, man hört nur nicht so oft davon. Frauen tendieren wohl mehr zum Suizid oder verwenden leises Gift um ihre Problemchen zu beheben. Männer versuchen das mit Kraft – wie sonst, wir sind so primitiv. Primitiv, ja das müssten wir mal sein. Richtig die Sau raus lassen, damit man sich wieder auf andere Dinge konzentrieren kann, ohne dass Hormone in den Weg kommen. Wie wäre es mit einer Runde Paintball? Nein, das soll ja nun verboten werden. Na herzlichen Glückwunsch! Es werden einem immer mehr Möglichkeiten genommen seine Aggressionen raus zu lassen – wohin also damit? Zurückstecken und dann was? Warten bis sich genug aufgebaut hat, dass es für einen Amoklauf reicht? Aber das machen natürlich nur Jungs/Männer – vor allem die, die Killerspiele spielen.

Killerspiele und Männer, das ist schon ein gefährliches Paar. Denn die Killerspiele machen Männer zu Amokläufern. Es ist nicht so, dass sich Männer oder allgemein Menschen, die gewisse Tendenzen haben, sich eher von solchen Sachen angezogen fühlen nein. Das eine bewirkt das andere. Denn ein Spiel, das niemand spielt ist harmlos. Ein Mensch, der keine virtuellen Menschen tötet, wird nicht zum Mörder. Das sind alles sehr seltsame Folgerungen – vermutlich weil sie allesamt falsch sind. Menschen morden, Menschen meucheln, Menschen bringen andere um. Das war immer so und das wird immer so sein, denn es ist ein Teil unserer Natur. Weil 85% der Jungen brutale Spiele spielt, ist es kein Wunder, dass man solche immer bei Amokläufern oder anderen Verrückten findet. Das beweist aber überhaupt nichts.

Liebe Amokläuferin von Sankt Augustin: Du bist meine Heldin des Tages. Du bist der lebende Beweis dafür, dass nicht nur Jungs mal überschnappen. Es fehlt nur, dass du täglich Volksmusik hörst, einen Streichelzoo zu Hause hast, keinen PC und Fernseher, dafür aber jede Menge vegetarisches Essen in deinem Zimmer hast. Was würde das beweisen? Nichts – genauso wenig wie all die Dinge nichts beweisen, die uns als Beweise angereicht werden.

Dieser Eintrag wurde am Dienstag, den 12. Mai 2009 um 21:34 Uhr geschrieben und ist unter Deutsch eingeordnet. Du kannst alle Antworten zu diesem Eintrag über den RSS 2.0-Feed verfolgen. Du kannst ein Kommentar schreiben, oder einen trackback von deiner Seite einrichten.

3 Antworten zu “Rampage – Sankt Augustin – My hero”

  1. Paranoxx schrieb:

    Voreilige Entschlüsse – genau das sieht man bei jedem Amoklauf von der Politik. Es werden jedes mal unnütze Dinge verboten, sich einmal mit der Materie der Computerspiele auseinander zu setzen, statt wie wild erstmal das Volk zu bändigen wäre vermutlich überlegter.

  2. fwahl schrieb:

    Verbietet Brot, denn 99% aller Attentaeter essen 24 Stunden vor dem Attentat Brot!

  3. lambda schrieb:

    Ich will nicht wissen wie viele Menschen früher (In der Zeit als es noch keine
    der heutzutage sogenannten “Killerspiele gab) bei Raubüberfällen
    oder sonstigen kleinkriminellen Aktionen getötet worden sind.
    Ich meine in der Leistungsgesellschaft heute sind viele Menschen überfordert und
    kommen mit ihrem Leben einfach nicht so zurecht, die einen bringen dann
    ihre Familie um, oder Mittschüler und danach sich selbst,
    was hin und wieder nicht ganz klappt.
    Ich meine ich finde es nicht weniger schlimm, wenn eine Mutter ihre Kinder
    erwürgt, als wenn ein Amoklauf an einer Schule geschieht.
    Wird dann gesagt die Mutter hat zu lange und zu intensiv Killerspiele gespielt
    oder nur zu oft brutale Filme geschaut?
    Ich glaube nicht…

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