blind
Ein Mensch ist fehlerhaft in vielen Hinsichten. Das ist gut so, denn wären wir alle perfekt, wären wir alle gleich und das Leben wäre ziemlich langweilig. Auf der anderen Seite würde es weniger Probleme geben. Ich möchte nicht, wie so oft, auf allgemeine Menschheitsprobleme eingehen. Nein – heute ist es an der Zeit den eigenen Schrank auszuräumen.
Bleiben wir jedoch einen Moment beim Schrank. Vor kurzem habe ich bei einem Umzug geholfen. Das ist schon interessant, wenn man neben dem Kisten schleppen mal zum durchatmen kommt. Man verpackt ein halbes Leben in große Kartons, schleppt sie in ein Fahrzeug, bringt sie wo anders hin und läd sie wieder aus. In den Kisten findet man nur materielle Dinge, doch für den Eigentümer sind sie oft viel mehr als das. Jedes einzelne Stück kommt mit Erinnerungen einher. Würde jede Erinnerung nur, sagen wir mal zehn Gramm wiegen, ich würde nie wieder bei Umzügen helfen wollen. Aber es scheint als würde das geballte Gewicht der Erinnerungen nur auf den wirken, der sie in den Karton eingepackt hat.
Schauen wir mal in die Kisten hinein. In der ersten, die wir öffnen, findet sich neben ein paar Socken und T-Shirts ein Erlebnis, auf das man gar nicht stolz ist. In der nächsten vielleicht eine Romanze garniert mit Unterhosen und Handtüchern. Ich muss gestehen, dass ich nicht der beste Kistenpacker bin, aber darum geht es nicht wirklich. Viel wichtiger ist, was ich mit dieser Analogie zeigen möchte. Wir alle haben gute und schlechte Erinnerungen – Dinge an die wir uns nicht erinnern wollen und Erinnerungen die uns viel schneller entgleiten als es uns lieb ist.
Wie mit unseren Erinnerungen verhält es sich auch mit dem, was wir von uns preis geben. Wir verstecken die Kartons mit den peinlichen und schlechten Erinnerungen in einer dunklen Ecke des Kellers, während wir die Kisten mit schönen Erinnerungen, die uns gut da stehen lassen, auspacken und in Schränke stellen, damit sie sich jeder ansehen kann.
In gewisser Weise ist dieses Tagebuch ein solcher Schrank. Es enthält Geschichten, die mich als einen Menschen darstellen, der von anderen ausgenutzt und gequält wird und es generell nicht einfach hat. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Kein Mensch kann dauerhaft depressiv sein, kein Mensch wird so von anderen ausgenutzt, wie es meine Beschreibungen oft versuchen zu vermitteln.
Den wirklich bösen Mensch gibt es in den meisten meiner Text nicht. Natürlich tut es weh, wenn man ausgenutzt wird. Sicherlich geschehen Dinge, die ich lieber nicht als Erinnerung hätte. Eine Mitschuld trage ich doch trotzdem fast immer in mir. Es ist schwierig große Fehler in Sachen Gefühle alleine zu machen, aber was man aus meinen Texten heraus liest ist oft einfach nicht die Wahrheit und wenn dann doch nur ein kleiner Teil davon. Das Monster der Geschichten bin ich – das Monster steckt in mir. Es sind nicht immer die Anderen, der Fehler liegt oft viel näher als man denkt. Es ist nicht, so dass ich es mir ausgesucht habe Monster zu sein – das Monster kam von ganz allein. Aber was ist dieses Monster eigentlich?
Ich kenne meine Motivationen und die Hintergründe zu allem was ich tue. Ich kenne meine wirklichen Gefühle und was ich daraus mache. Trotzdem ist das oft nicht was man von mir sieht. Ich bin gemein, hinterlistig, suche die Konfrontation und nutze jede Gelegenheit, die Fehler anderer gegen sie zu verwenden. So sehr ich es oft gerne hätte – diese Mechanismen sind nicht abzuschalten und diese Tatsache macht mich zu dem grausamen Menschen der ich bin. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich eigentlich gar nichts dafür kann, dass ich mich so verhalte wie ich es oft tue. Nein – ich kann Dinge ganz bewusst tun, um andere zu verletzen – und weil ich es kann tue ich es auch. Warum zum Beispiel versuche ich jemandem klar zu machen, dass er dumm ist, indem ich ihm erzähle, dass alle anderen aus ähnlichen Verhältnissen eben das auch sind? Warum formuliere ich so, dass ich im nachhinein trotzdem sagen kann, dass ich das gar nicht so gesagt oder gemeint habe? Schutz ist die Antwort. Ich tue nichts weiter, als mich selber zu schützen, indem ich andere Menschen von mir fort dränge. Ich schütze andere, indem ich sie dazu bringe, Abneigung für mich zu empfinden – Ich selbst hätte nicht die Kraft mich von diesen Menschen zu trennen, deshalb gebe ich dieses grausame Aufgabe ab. Was ist das Monster also? Das Monster ist meine Persönlichkeit.
Ja, ich glaube das macht mich zu keinem guten Menschen, doch dann stellt sich die Frage, ob gut und schlecht nichts weiter als subjektive Auslegungen sind. Primär bin ich einfach nur ich – mit vielen Fehlern – nur ein paar sind hier erwähnt. Ich bin ein Mensch der seine Umzugskartons so angeordnet hat, dass nur die Stücke sichtbar sind, die mich so dastehen lassen wie du, lieber Leser, mich siehst.
Sicher wäre es oft korrekter zu sagen, welchen Teil ich zu einer Misere beigetragen habe – doch im Ernst – wer will das lesen? Lyrik besteht aus Einseitigkeit, Dichtung lebt von der Geschichte – nicht der Wahrheit. Aber für jede anderen Geschichte wie auch diese – merke dir: Man kann nicht alles glauben, nur weil es geschrieben steht, oft ist es nicht wahr und wenn doch nichtmal die Hälfte der ganzen Wahrheit – das heißt, wenn es so etwas wie Wahrheit wirklich gibt…
Dieser Eintrag wurde am Samstag, den 14. März 2009 um 01:32 Uhr geschrieben und ist unter Deutsch, Philosophie eingeordnet. Du kannst alle Antworten zu diesem Eintrag über den RSS 2.0-Feed verfolgen. Du kannst ein Kommentar schreiben, oder einen trackback von deiner Seite einrichten.






